Was Reisen durch Südamerika in mir bewirkt – #24

Reisen verändert Menschen. Es lässt sie wachsen und Neues entdecken, verändert ihr Wesen und prägt sie. Das nehmen wir zumindest allgemein an. Fernab der Gewohnheiten und Routinen lernen wir viel über das Leben, das Leben anderer Menschen in anderen Ländern. Nicht immer erscheint uns das, was wir sehen, besser als unsere Heimat. Manchmal ist es nur anders. Manchmal begeistert es uns und manchmal sind wir schockiert von dem was wir sehen.

Momente vollkommenen Glücks

Manchmal führt Reisen dazu, dass wir von Neuem so hingerissen werden, dass es uns schwer fällt unsere Gefühle in Worte zu fassen. Wir sind begeistert von fremden Gerüchen und schrillen Farben, von Traditionen und Gebräuchen, von freundlichen Menschen und einladenden Städten. Wir würden gerne länger bleiben, alles in uns aufsaugen und einfach nur die Zeit genießen. In fast jedem Land das man bereist, gibt es etwas, das man doch noch gerne gesehen hätte.

Ich erinnere mich gerne an wahnsinnig tolle Eindrücke, die ich hoffentlich für sehr lange Zeit nicht vergessen werde. Der Sonnenaufgang in der Salar de Uyuni, die urige Insel Chiloé oder die Kraterlagune des Quilotoa. Die wunderschöne Landschaft des Torres del Paine Nationalparks oder der Ausblick vom Huayna Picchu. Der Karneval in Oruro, die wilden Tiere Nordboliviens oder die Fjörde Südchiles.

Und nicht nur Landschaften, um nur ein paar zu nennen, bleiben mir im Gedächtnis. Auch Hostelbesitzer, andere Backpacker, ecuadorianische Kinder und freundliche Peruanerinnen. Der alte Mann aus Südchile in dessen Garten wir gecampt haben oder unser Guide aus dem Dschungel von Bolivien. So viele Menschen und Begegnungen, deren Wert oft erst im Nachhinein klar wird.

Und ich bin mir sicher, dass mich diese positiven Erlebnisse prägen werden und ich als ein bisschen anderer Mensch zurückkomme. Vielleicht ein bisschen gelassener oder etwas neugieriger auf das, was sich Touristen in meiner Heimat ansehen. Denn ich bin mir sicher, dass einem auch Deutschland wunderschöne Ausblicke und Momente bescheren kann. Vielleicht mehr interessiert an dem Fremden, auch den Fremden in Deutschland. Vielleicht werde ich öfter meinen Nebensitzer im Bus ansprechen oder einen Touristen fragen woher er kommt und wie ihm Deutschland gefällt. Auf die ein oder andere Weise hat Südamerika mich verändert, ganz bestimmt.

Schock und Bedauern

Manchmal führt Reisen allerdings dazu, dass wir geschockt sind. Von dem, wie andere Menschen leben oder ihr Leben bestreiten müssen. Wie viel weniger sie haben als man selbst oder was für sie völlig normal, für uns aber undenkbar ist. Wie viele junge Frauen schon Kinder haben und Familien versorgen, die nur halb so alt aussehen wie ich. Wie viele Kinder auf der Straße Waren anbieten und wie viele alte knochige Menschen auf der Straße sitzen und betteln. Welche Zukunft erwartet wohl das Kleinkind, dass in der Hütte im Hinterland von Cusco ohne fließendes Wasser aufwächst?


Lebensumstände, Gepflogenheiten und Standards an die wir in Deutschland viel zu sehr gewohnt sind, existieren hier oft nicht. Trinkbares Wasser aus Wasserhähnen, ein funktionierendes öffentliches Transportsystem (Verspätungen von vorhandenen Zügen zählen wirklich zu den Luxusproblemen), asphaltierte Straßen, eine vorbildliche Müllentsorgung und überhaupt ein Bewusstsein für Müllvermeidung – all das habe ich in den letzten Wochen an meinem fernen Zuhause zu schätzen gelernt.

Die Beachtung von Fußgängern im Straßenverkehr, echtes Brot mit Kruste und salzigem Teig, die Möglichkeit sich über jede Kleinigkeit des öffentlichen Lebens im Internet zu informieren und das Gefühl, mit öffentlichen Verkehrsmitteln sicher an sein Ziel zu kommen. Sich nie Gedanken machen zu müssen, ob das gegessene Lebensmittel genießbar war oder falsch gelagert, transportiert oder zubereitet wurde oder einfach verdorben war als man sich eine Lebensmittelvergiftung davon zugezogen hat. Eine riesige Fülle an gesunden Nahrungsangeboten, die jederzeit schnell verfügbar sind. Das schnelle südamerikanische Essen bestand in den letzten Wochen aus Reis mit Pommes und Fleisch. Ohne Soße oder Gemüse. DAS werde ich auf keinen Fall vermissen und verstehe vollkommen, warum die meisten Frauen, denen ich begegnet bin, leicht übergewichtig sind. Wenn man lange in der Ferne ist fällt einem so einiges auf, für was man in Deutschland dankbar sein kann.

Erwartungen und Enttäuschung

Manchmal führt Reisen dazu, dass wir enttäuscht sind. Zum Beispiel davon, wie unfreundlich Menschen Fremden gegenüber sind oder wie dreist sie versuchen einen zu ihrem eigenen Vorteil übers Ohr zu hauen. Ich überlege oft, wie ich Fremden in meiner eigenen Heimat begegne und wie oft ich Touristen in der Innenstadt angesprochen habe. Welchen Eindruck haben Besucher wohl von Deutschland?

Seit Monaten bin ich die Ausländerin, die Weiße, diejenige, die selbst den meisten Männern auf den Kopf schauen kann, der Gringo, die mit dem unaussprechlichen Namen, die aus dem fernen Europa, die reiche Touristin. Viele Menschen hier sind interessiert an uns, einige aber auch nur an unserem Geld. Viele Menschen freuen sich einen kennen zu lernen, einem zu helfen, einem das Gefühl zu geben, dass sie ihr Land gerne Anderen zeigen möchten. Aber oft wird man auch schief angeschaut, misstrauisch beäugt und ignoriert. Wie geht es wohl einem Ausländer bei uns, fühlt er sich öfter willkommen oder unerwünscht?

Was lernt man beim Reisen?

Insgesamt führt Reisen dazu, dass wir lernen. Über das Leben, über nicht mehr ganz so fremde Länder und nicht mehr ganz so fremd aussehende Menschen. Darüber wie es ist, fremd zu sein und wie einfach es manchmal ist, sich in der Fremde wohl zu fühlen. Wie man über seinen eigenen Schatten springt und ungewisse Situationen akzeptiert. Und ich habe gelernt, dass selbst jede noch so fremdartige Sache irgendwann normal werden kann.

Und deshalb freue ich mich jetzt, Südamerika zu verlassen und mich auf einen neuen Kontinent einzustellen. Auf andere fremde Menschen und fremde Bräuche, auf Ungewisses und Neues, auf Beeindruckendes und Enttäuschendes. Und ich freue mich auf den Menschen, als den ich Neuseeland in einigen Monaten verlassen werde. Denn ich kann durch das Reisen nur lernen und mich weiterentwickeln, so wie ich es die letzten Wochen erlebt habe.

Welche Erfahrungen hast du beim Reisen gemacht? Was hat dich am meisten beeindruckt, bewegt, erschüttert? Erzähl mir gern von deiner Geschichte, deine

2 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben und reflektiert. 🙂 ich kann es sehr gut nachvollziehen, wie viel all die unterschiedlichen Eindrücke in euch hinterlassen.
    Seid weiterhin reich gesegnet und ein gutes Ankommen in Neuseeland.
    Eure Freundin, Jule

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