Minen von Cerro Rico in Potosí, Bolivien – #12

In der Nähe von Potosí in Bolivien arbeiten seit Jahrhunderten Jungen und Männer in den Minen von Cerro Rico. Nachdem hier zur Kolonialzeit Millionen von Sklaven ihr Leben lassen mussten haben sich die Arbeitsbedingungen zwar verbessert, trotzdem war der Besuch der Minen bis jetzt eines der eindrücklichsten Erlebnisse unserer Reise.

Früh morgens treffen wir unseren Guide in der Stadt und machen uns gemeinsam auf den Weg zum Minenarbeitermarkt. Er selbst hat mit 10 Jahren angefangen in den Minen zu arbeiten und hat sich dann nach 17 Jahren entschieden nur noch Touren für Touristen anzubieten. Da wurde uns das erste mal klar, dass Kinderarbeit selbst in den Minen völlig normal zu sein scheint und er erklärte uns, dass es zwar verboten ist aber nie kontrolliert wird. Die meisten Familien können sich allerdings anders nicht über Wasser halten.

Der Minenarbeitermarkt und die Trennungsanlage

Mit diesem Wissen starten wir auf den Markt, auf dem die Mineros alles finden, was sie für ihre Arbeit brauchen. Neben Coca Blättern, die hier jeder kaut, gibt es Dynamit und Zündschnüre, alte Klamotten und Softdrinks. Außerdem findet man an jedem Stand 96%igen Alkohol, der sowohl als Getränk und Suchtmittel, als auch als Opfer für die Götter genutzt wird. Nachdem wir als Geschenk für die Minenarbeiter Coca und Dynamit (legal) gekauft haben, macht sich unsere kleine Gruppe auf zur Trennungsanlage, wo die verschiedensten Mineralien aus dem geborgenen Gestein gelöst werden. Die einst so reichen Silberminen bringen nur noch selten mehr als 0,5% Silberanteil zu Tage. Während unser Guide uns die verschiedenen enthaltenen Mineralien beschreibt, schleppt ein etwa 14 jähriger Junge Eimer voll Wasser an uns vorbei. Die Chemikalien, mit denen die Mineralien getrennt werden, schäumen in den großen Anlagen vor sich hin, während wir darauf achten nichts anzufassen.

Der Eingang in die Tunnel

Eine kurze Busfahrt später stehen wir in Schutzanzug und Mundschutz vor einem der Tunneleingänge des Cerro Rico. Auf den Schienen der Transportwägen machen wir uns auf den Weg ins Innere. Der anfangs mannshohe Gang wird schnell niedriger und wir laufen gebückt im Schein unserer Kopflampen durch den immer niedriger werdenden Stollen. Wie oft ich mir den Kopf an Gestein und Holzbalken gestoßen habe, habe ich irgendwann nicht mehr mitgezählt. Je länger wir laufen umso beklemmender fühlt sich der Besuch in den Minen an. Jeder Schritt bringt uns weiter weg vom Tageslicht und frischer Luft. Immer wieder müssen wir uns an die Steinwand drücken, damit zwei Arbeiter einen tonnenschweren Wagen an uns vorbei ins Freie schieben können. Nach etwa 10 Minuten machen wir eine kurze Pause um ein paar Kleidungsstücke loszuwerden, denn inzwischen hat es über 20°C im Stollen und es wird immer schwieriger zu atmen.

Die Arbeit der Mineros

Nach weiteren 5 Minuten erreichen wir das Ende des Ganges, an dem einige Mineros dabei sind Gestein abzutragen. Mit Hammer und Meisel, bei inzwischen etwa 30°C. Die Männer unserer Gruppe packen jeweils eine Minute mit an und schaufeln Schutt in einen Wagen, bevor sie schweißüberströmt zu uns ans Ende des Ganges kommen. Hier treffen wir einen älteren Minero. Er arbeitet seit Jahrzehnten hier und sieht furchtbar aus. Sein dürrer Oberkörper ist den teilweise giftigen Gesteinen schutzlos ausgeliefert, mit einer Atemmaske zu arbeiten ist viel zu anstrengend und seine Wange ist, wie bei so vielen Menschen in Potosí, dick von all den Coca Blättern darin. Er freut sich sehr über das Dynamit, das wir ihm schenken. Trotzdem frage ich mich, wie ein Mensch soetwas ein Leben lang ertragen kann. Er arbeiten zusammen mit einem Achtzehnjährigen, der schweißgebadet eine leere Schubkarre vom Transportwagen zu uns her fährt. Dass er jemals ein Klassenzimmer von Innen gesehen hat, bezweifle ich. Dafür weiß er wie man ein Loch für Dynamit schlägt und welche Rituale er einhalten muss, um von den Minengöttern mit bessere Mineralienadern zu bekommen.

Aberglaube ist allgegenwärtig

Zweimal im Monat ehren die Mineros ihre Minengötter und Patchamama, die Mutter Erde, und bitten sie um Glück und Erfolg bei der Arbeit. Dafür opfern sie Coca, Zigaretten und den hochprozentigen Alkohol. Es bekommt immer die Statue des Gottes einen Schluck, dann die Erde auf der man steht und anschließend trinkt man selbst. Je größer der Wunsch umso mehr muss man opfern und trinken, versteht sich. Wir sitzen also im Halbdunkeln um unseren Guide und eine Teufelsstatue und trinken den Alkohol, um Patchamama nicht zu verärgern. Um uns von der Qualität des Getränks zu überzeugen, bittet unser Guide uns die Stirnlampen auszuschalten. Er verbrennt auf seinem Finger einen Schluck davon um sich damit eine Zigarette anzuzünden. Anschließend sitzen wir im Stockfinstren im Inneren eines Berges und hören den Geschichten unseres Guides über Unfälle, Lebenserwartungen und Todesfälle zu, was nur vom fernen Grollen der Transportwägen unterbrochen wird. Ein unglaublich beklemmendes Gefühl.

Auf dem Rückweg bin ich heilfroh, dass ich diesen Ort nach wenigen Stunden wieder verlassen kann. Die Mineros die wir getroffen haben werden wegen des kommenden Karnevals wohl noch etwas länger bleiben um sich noch Schmuck für ihre Häuser zu kaufen. Diesmal also mehr als eine acht Stunden Schicht. Als wie endlich wieder Tageslicht sehen, fühle ich mich als hätte ich Ewigkeiten in diesem Berg verbracht. Ein Atemzug frischer Luft ohne Staub und dem Gestank nach giftigem Gestein, vertreibt auch das beklemmende Gefühl der letzten Stunden. Wüsste ich jedoch, dass ich am nächsten Morgen wieder herkommen müsste um zu arbeiten, ich glaube nicht dass ich mit dieser Aussicht leben könnte.

Ein Ausflug der bewegt

Der Besuch der Minen von Cerro Rico macht mich dankbar. Denn egal welche Jobs ich in meinem Leben ausüben werde, keiner kann jemals so qualvoll sein wie diese Arbeit. Keiner wir meine Lebenserwartung auf 50 Jahre senken und keiner wird meinen Körper und meine Seele so sehr schänden. Dieser Ort ist bedrückend und interessant zugleich und prägt aufmerksame Besucher auf unvergleichliche Weise.

Gibt es einen Ort, der dich jemals so beeindruckt hat? Erzähl mir gerne davon in den Kommentaren!

Viele Grüße aus Potosí, einer Stadt mit bewegter Geschichte

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